Wohl keine Zigarre der Welt ist so berühmt wie die kubanische. Weltweit genießt sie einen außergewöhnlichen Ruf; vielen Aficionados geht nichts über kubanischen Tabak. Doch woran liegt das? Was macht kubanische Zigarren so besonders? Diese Fragen haben wir zum Anlass genommen, eine kleine Kulturgeschichte der Habanos zu schreiben. Denn die Geschichte der Zigarre ist untrennbar verbunden mit der wechselvollen Geschichte Kubas, dieser größten – und vielleicht berühmtesten – aller Karibikinseln.

Wie alles begann: Christoph Columbus

Zunächst einmal gilt es festzuhalten, dass es die kubanische Zigarre – oder Habano, wie sie von Kennern genannt wird – natürlich gar nicht gibt. Genau genommen reden wir von über 200 Habanos, die sich alle in Geschmack, Format und Aroma unterscheiden. Dennoch gibt es Dinge, die alle kubanischen Zigarren gemeinsam haben.

Die Geschichte der kubanischen Zigarre, wie wir sie kennen, und tatsächlich der Zigarre als solcher, beginnt, wie so vieles, mit Christoph Columbus. Zwar gibt es die aus Südamerika stammende Tabakpflanze schon seit zwei- bis dreitausend Jahren vor unserer Zeitrechnung. Doch soll Columbus der erste Europäer gewesen sein, der mit Tabak in Kontakt kam, und zwar gleich auf seiner ersten großen Westfahrt. Als er im Jahr 1492 auf der Karibikinsel Hispaniola landete, heute Haiti und die Dominikanische Republik, beschenkten in die indigenen Einwohner mit Tabak. Wenig später entdeckte er Kuba und nahm die Insel für die spanische Krone in Besitz. Dort kam Columbus erstmals mit einem Tabakprodukt in Kontakt, das der Zigarre, wie wir sie heute kennen, schon ziemlich nahe kam. Die auf Kuba ansässigen Taíno wickelten getrockneten und gemahlenen Tabak in ein größeres Tabakblatt und rauchten es.

Die indigenen Einwohner Kubas betrachteten – wie auch andere karibische und mittelamerikanische Völker – den Tabak als Geschenk der Götter. Sie hielten die Tabakpflanze, die sie im übrigen cohiba nannten, für magisch und benutzten sie als Heilmittel gegen verschiedene Krankheiten und zur Bewusstseinsveränderung. Auch bei ihren sozialen, politischen und religiösen Ritualen war Tabak ein unverzichtbarer Bestandteil.

Columbus nahm auf seiner Rückreise nach Spanien die Tabakpflanze mit und begründete dadurch die weltweite Verbreitung nicht nur des Tabaks, sondern auch des Rauchens.

Kolonialzeit unter den Spaniern

Der Siegeszug der Zigarre – und damit auch des Rauchens – begann also in Kuba. Von dort aus eroberte sie über Spanien die Türkei, Russland und sogar Japan und in den folgenden Jahrhunderten die ganze Welt. Dass sich Kuba unter spanischer Kolonialherrschaft befand, hatte natürlich Konsequenzen für die sich entwickelnde Tabakindustrie. Bis zum Jahr 1542 war das Rauchen von Zigarren so beliebt geworden, dass die spanische Kolonialregierung beschloss, auf Kuba eine Zigarrenfabrik zu bauen. Seither ist Kuba bekannt für die Produktion von handgerollten Zigarren und die Zigarrenproduktion eine kubanische Institution. Nichtsdestoweniger blieb der Tabakanbau und -handel in Übersee fest in spanischer Hand. Die Krone erkannte schnell den kommerziellen Wert der Pflanze und organisierte bald die Produktion und den Handel mit Europa.

Zunächst wurde der Tabak nur als Rohmaterial gehandelt. Das garantierte der spanischen Krone einen stetigen Fluss an Steuereinnahmen. Doch da die Kubaner zu diesem Zeitpunkt noch für andere Länder produzierten, sicherte sich König Felipe V. von Spanien im Jahr 1717 das Monopol. Er verpflichtete die Kubaner, von nun an exklusiv für die spanische Krone zu produzieren. Tabaksamen an eine nichtspanische Kolonie zu verkaufen, wurde damals mit dem Tod bestraft.

Professionelle Zigarrenherstellung

In dieselbe Zeit fällt der Beginn der professionellen Zigarrenproduktion. Damals wurde Tabak zum wichtigsten landwirtschaftlichen Erzeugnis Kubas, und die Kubaner entwickelten ihr Können in Anbau, Trocknung und Rollen von Zigarren, für das sie heute noch weltberühmt sind.

Interessant ist: Im Gegensatz zu den Arbeitern auf den Zuckerrohrplantagen, die zur damaligen Zeit zumeist leibeigene Sklaven waren, waren die Tabakarbeiter alle frei. Denn es herrschte die Auffassung, dass man mit Tabak, anders als mit Zuckerrohr, sanft umgehen müsse, und dass dazu nur freie Männer in der Lage wären, die auf ihre Arbeit stolz sind. José Martí, der berühmte kubanische Unabhängigkeitskämpfer selbst, soll gesagt haben, dass man die Tabakpflanze behandeln müsse wie eine feine Dame. Und so arbeiteten auf den Tabakplantagen Kubas meist spanische Einwanderer von den Kanarischen Inseln und prägten – ganz nebenbei – das Bild des kubanischen Campesino.

Spaniens Monopol währte hundert Jahre. Ab 1817 war der freie Handel mit kubanischen Zigarren – vorerst – wieder erlaubt. Dieses Jahr markiert den Beginn der modernen Zigarrenindustrie. Seither hat sich in der Herstellungsweise der berühmten kubanischen Zigarren nur wenig verändert.

Kubanische Zigarren mit Hut und der Nationalflagge

Verbreitung des Rauchens und Protest

Havanna ist also die Wiege der Habanos. Von hier aus verbreitete sich das Rauchen in ganz Europa und der Welt. Schon ab Mitte des 18. Jahrhunderts waren Zigarren in Europa populär – lange vor Zigaretten, die erst viel später aufkamen. Kubanische Zigarren stiegen zu einem der beliebtesten Genussmittel auf und standen für den Ausdruck eines individuellen Lebensgefühls. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Mode, nach dem Abendessen eine kubanische Zigarre zu rauchen; Raucher-Salons für Gentlemen wurden eingerichtet, ebenso Raucherwaggons in Zügen. In Kuba indes schossen zur selben Zeit die Zigarren-Manufakturen wie Pilze aus dem Boden. In diese Epoche fällt auch die Gründung heute noch bekannter Marken wie Partagás und H. Upmann.

Bei aller Beliebtheit des Rauchens jedoch ist, anders, als man heute vielleicht denken könnte, die Abneigung dagegen kein neues Phänomen. Mit dem Rauchen verbreitete sich auch der Protest dagegen. Zu den bekannten Rauchgegnern zählte zum Beispiel Königin Victoria von England. Bald wurde auch vermutet, dass die Tabakpflanze – entgegen dem weit verbreiteten Glauben der Kubaner – gar keine magischen Heilwirkungen besaß. Und derselbe Felipe V., der sich im Jahr 1717 das Handelsmonopol mit kubanischem Tabak sicherte, bestrafte Plantagenarbeiter, die Tabak als Heilmittel einsetzten, mit dem Tod.

Verstaatlichung – die Epoche Fidel Castro

Die nächste große Entwicklungszeit der kubanischen Zigarre wird markiert durch die Amtszeit von Fidel Castro. Nach der Kubanischen Revolution verstaatlichte Fidel Castros kommunistische Regierung im Jahr 1962 die kubanische Tabakindustrie. Castro hatte sogar vor, die verschiedenen Fabriken und Manufakturen zu schließen und alle bis dahin gängigen Zigarrenmarken zu einer „Staatszigarre“ zusammenzufassen. Doch als passionierter Zigarrenraucher merkte er schnell, dass das keine gute Idee war. Die einzigartige Vielfalt, die kubanische Zigarren ausmacht, wäre verloren gewesen. Und außerdem erwirtschafteten die kubanischen Zigarren Devisen von umgerechnet mehreren Millionen Euro pro Jahr.

Castro ließ im Jahr 1962 die Cubatabaco gründen, ein Staatsunternehmen, dass das Monopol auf sämtliche Zigarren des Landes besitzt. Die Cubatabaco ist für alle Produktionsschritte zuständig, die der Tabak durchläuft – vom Anbau über die Verpackung bis hin zur Auslieferung. Außerdem kontrolliert sie den Zigarrenvertrieb auf Kuba selbst. Für den Export in alle Länder außer den USA wurde im Jahr 1994 die Habanos S.A. gegründet. Sie ist weltweit exklusiv verantwortlich für die Vermarktung und den Vertrieb der kubanischen Zigarren.

In jedem Land hat die Habanos S.A. nur einen einzigen exklusiven Handelspartner. Für die Qualität der Zigarren ist das gut, denn so kann man Fehler im Ablauf schneller finden und beheben. Doch für die kubanischen Tabakproduzenten war Fidel Castros Entscheidung eine mittlere Katastrophe. Viele wechselten damals entweder den Beruf oder das Land. Sie gingen dorthin, wo ähnliche klimatische Bedingungen herrschen wie auf Kuba, zum Beispiel nach Honduras, Nicaragua oder in die Dominikanische Republik. Unter demselben Namen wie zuhause bauten sie dort ihre Tabakproduktion wieder auf und verwendeten auch das gleiche Saatgut und dieselben Methoden.

Die staatliche Produktion in Kuba verwendete aber auch die alten Namen. So ist es zu erklären, dass manche Zigarrenmarken – wie zum Beispiel Montecristo und Romeo y Julieta – in einer kubanischen und einer dominikanischen Version existieren. Aber die Bedingungen in der Republik sind eben doch nicht genau dieselben wie auf Kuba. Und jeder Aficionado, der etwas auf sich hält, wird den Unterschied zwischen einer dominikanischen und einer kubanischen Zigarre schmecken können.

Ganz nebenbei erfand Fidel Castro noch die Cohiba. Aber das ist eine andere Geschichte.

Amerikanische und kubanische Flagge

Kubanische Zigarren und das Embargo

Als Reaktion auf die kommunistische Revolution in Kuba erließ der damalige US-Präsident John F. Kennedy im Jahr 1960 ein umfassendes Handelsembargo gegen die Insel. Dies sorgte für den Abbruch aller Handelsbeziehungen zwischen Kuba und den USA. Seither sind kubanische Zigarren genau wie alle anderen kubanischen Exportgüter in den USA illegal. Das Embargo verbietet US-Bürgern, kubanische Zigarren zu kaufen und den US-amerikanischen Zigarrenherstellern, kubanischen Tabak zu importieren. Interessant ist jedoch, dass Kennedy das Dekret nicht unterzeichnete, ohne nicht wenige Stunden zuvor noch seinen Assistenten loszuschicken, um sich 1.200 Zigarren der Marke H. Upmann für seine persönliche Sammlung zu sichern.

Die kubanischen Zigarrenhersteller verloren so ihren wichtigsten Kunden und die US-amerikanischen Zigarrenliebhaber mussten auf die guten kubanischen Zigarren verzichten. Aber natürlich lässt sich, was ein richtiger Aficionado ist, nicht von seinem Genuss abhalten. Ihre geliebten Habanos werden teilweise illegal ins Land geschmuggelt und zu einem hohen Preis verkauft. Der Schwarzhandel blüht, und das bietet auch ideale Bedingungen für Fälscher. Angeblich sind 95% der in den USA kursierenden kubanischen Zigarren gefälscht.

Das Internet macht es den US-amerikanischen Zigarrenliebhabern leichter, über den Umweg anderer Länder an ihre geliebten kubanischen Zigarren zu kommen – vor allem, wenn diese ohne Banderole verkauft werden. Außerdem bieten viele europäische, mexikanische und kanadische Touristenorte Stände mit kubanischen Zigarren an – speziell für die amerikanischen Touristen und auch dann, wenn es in vielen europäischen Regionen verboten ist, Werbung für Tabakprodukte zu machen.

Kubanische Zigarren heute

Das einst von John F. Kennedy unterzeichnete Handelsembargo ist immer noch in Kraft. Das macht es zum am längsten andauernden Handelsembargo der modernen Geschichte. Aber die Amtszeit von US-Präsident Barack Obama brachte die erste Entspannungsperiode in den kubanisch-amerikanischen Beziehungen seit mehr als fünfzig Jahren. Natürlich wirkte sich das auch auf kubanische Zigarren aus. Der kommerzielle Import von Habanos ist immer noch verboten. Aber seit dem Jahr 2016 darf jede US-amerikanische Privatperson einmal pro Monat zollfrei 100 kubanische Zigarren (das entspricht vier Standardboxen) oder Zigarren bis zum Wert von 800 Dollar einführen. Diese dürfen selbst geraucht oder verschenkt werden – sie zu verkaufen, ist nach wie vor illegal.

Sollte der Markt eines Tages in Richtung USA geöffnet werden, gehen Experten davon aus, dass die US-amerikanischen Zigarrenliebhaber ein großes Nachholbedürfnis entwickeln werden. Das könnte für die europäischen Aficionados bitter werden, denn die Produktion der kubanischen Zigarren lässt sich nicht bis ins Endlose steigern. Deswegen solltet ihr die Habanos in vollen Zügen genießen, solange es geht.

Kubanische Zigarren – Tradition in der Moderne

Einzigartige klimatische Bedingungen, eine knapp fünfhundert Jahre währende handwerkliche Tradition und eine schwer zu überbietende Expertise machen die kubanische Zigarre zu dem, was sie heute ist. Die politischen Wirrungen konnten der Beliebtheit der Zigarre keinen Abbruch tun – vom Hafen in Havanna aus eroberte sie die ganze Welt. Bis heute ist Tabak – nach Zucker – das zweitwichtigste Exportgut Kubas.

Auch auf Kuba selbst ist das Zigarre rauchen weit verbreitet. Die Zigarre durchdrang schnell die kubanische Gesellschaft und Kultur und entwickelte sich – mit Grund – zu einer Art nationalem Symbol, das Tradition und Qualität mit Genuss verbindet. Der Mythos der kubanischen Zigarre ist bis heute quicklebendig, und alle anderen Zigarren dieser Welt werden sich auf ewig mit ihr messen müssen.

 

Kubanische Zigarren – eine kleine Kulturgeschichte
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